Elliott-Wellen-Theorie: Impuls, Korrektur und Fibonacci erklärt
Ralph Nelson Elliott beobachtete in den 1930er-Jahren, dass Kurse nicht zufällig schwanken, sondern in wiederkehrenden Wellenmustern laufen, die die Stimmung der Marktteilnehmer widerspiegeln: Optimismus und Pessimismus wechseln sich in typischen Phasen ab. Die Theorie versucht, diese Phasen zu zählen und daraus abzuleiten, wo ein Trend stehen könnte.
Das Grundmuster: 5 Wellen vorwärts, 3 zurück
Ein vollständiger Zyklus besteht aus einer Impulsphase in Trendrichtung (Wellen 1–5) und einer Korrekturphase dagegen (Wellen A–B–C).
| Welle | Richtung | Typischer Charakter |
|---|---|---|
| 1 | Trend | Oft unscheinbar; erste Käufer kehren zurück, noch viel Skepsis. |
| 2 | Gegen den Trend | Rücksetzer, häufig heftig; Angst, dass der Boden doch nicht hält. |
| 3 | Trend | Meist die längste und stärkste Welle; Ausbrüche, hohes Volumen, breite Zustimmung. |
| 4 | Gegen den Trend | Gewinnmitnahmen, meist flacher und zäher als Welle 2. |
| 5 | Trend | Letzter Schub, oft mit nachlassender Dynamik (Divergenz bei RSI/MACD) und großem Optimismus. |
| A / B / C | Gegen den Trend | A wird oft als „normaler Rücksetzer“ gesehen, B als Erholung (Bullenfalle), C ist häufig kräftig und tief. |
Die drei unverrückbaren Regeln
- Welle 2 darf nie mehr als 100 % von Welle 1 zurücklaufen (also nicht unter deren Startpunkt fallen).
- Welle 3 ist nie die kürzeste der drei Impulswellen 1, 3 und 5.
- Welle 4 darf nicht in den Preisbereich von Welle 1 hineinlaufen (Ausnahme: Diagonalen).
Wird eine dieser Regeln verletzt, ist die Zählung falsch und muss neu gemacht werden. Genau darin liegt der praktische Nutzen: Die Regeln liefern klare Invalidierungsmarken, an denen man ein Szenario verwerfen kann.
Fibonacci-Beziehungen als Richtwerte
Die Grundlagen zu den Verhältnissen stehen unter Fibonacci.
- Welle 2 korrigiert häufig 50–61,8 % von Welle 1.
- Welle 3 erreicht oft das 1,618-Fache von Welle 1 (oder mehr).
- Welle 4 korrigiert häufig 23,6–38,2 % von Welle 3.
- Welle 5 ist oft ungefähr so lang wie Welle 1 oder erreicht 0,618 von Welle 1 bis 3.
- Welle C entspricht oft Welle A oder dem 1,618-Fachen davon.
Korrekturformen
Zickzack (5-3-5): steile, scharfe Korrektur. Flat (3-3-5): seitwärts, Welle B erreicht etwa das Ausgangsniveau. Dreieck (3-3-3-3-3): verengt sich, meist vor der letzten Impulswelle. Dazu gilt die Alternation: Ist Welle 2 scharf, fällt Welle 4 meist flach aus, und umgekehrt.
Wellengrade
Das Muster ist fraktal: Jede Welle besteht aus kleineren Wellen derselben Struktur (z. B. Minute, Minor, Intermediate, Primary). Ein Chart lässt sich daher auf mehreren Zeitebenen gleichzeitig zählen, was Einsteiger leicht verwirrt.
Wie man damit handeln könnte (Lernbeispiel)
- Einstieg am Ende von Welle 2 oder 4 in Trendrichtung, wenn der Kurs die Korrekturzone (z. B. 50–61,8 %) erreicht und dreht.
- Stop-Loss knapp hinter der Invalidierungsmarke (bei Welle 2: unter dem Start von Welle 1).
- Ziel z. B. beim 1,618-Fachen von Welle 1. Das Chance-Risiko-Verhältnis sollte mindestens 2:1 betragen (siehe Risikomanagement).
- Zusätzliche Bestätigung durch Indikatoren und Volumen.
Kritik: Warum Vorsicht angebracht ist
Elliott-Zählungen sind subjektiv: Zwei erfahrene Analysten zählen denselben Chart oft unterschiedlich. Im Nachhinein passt fast jede Bewegung ins Schema, in Echtzeit ist sie häufig mehrdeutig. Belastbare Belege für eine dauerhaft überlegene Trefferquote fehlen. Nutze die Theorie als Szenario-Werkzeug mit klarem Stop, nicht als Prognose.
Häufige Anfängerfehler
- Eine Zählung erzwingen, obwohl Regeln verletzt sind.
- Mehrere Zeitebenen vermischen.
- Ohne Stop-Loss handeln, weil „die Zählung ja stimmt“.
- Nur eine Zählung betrachten statt Alternativszenarien.
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