RSI: Relative Strength Index
Der RSI wurde 1978 von J. Welles Wilder entwickelt. Er misst auf einer Skala von 0 bis 100, wie stark die jüngsten Kursgewinne im Verhältnis zu den jüngsten Verlusten waren. Standard ist eine Periode von 14.
Berechnung
RSI = 100 − 100 ÷ (1 + RS), mit RS = durchschnittlicher Gewinn ÷ durchschnittlicher Verlust der letzten 14 Perioden (nach Wilder geglättet).
Klassische Interpretation
- Über 70: überkauft, der Kurs ist stark gestiegen.
- Unter 30: überverkauft, der Kurs ist stark gefallen.
- Um 50: neutral, die 50er-Linie trennt grob Aufwärts- von Abwärtsmomentum.
Rechenbeispiel mit Wilder-Glättung
Der RSI wird laufend aktualisiert: neuer Durchschnittsgewinn = (alter Durchschnittsgewinn × 13 + heutiger Gewinn) ÷ 14, der Durchschnittsverlust analog. Angenommen, der Durchschnittsgewinn beträgt 1,2, der Durchschnittsverlust 0,6 (in Prozent), und heute steigt der Kurs um 2,0 % (Verlust 0). Dann gilt:
| Größe | Wert |
|---|---|
| Neuer Durchschnittsgewinn | (1,2 × 13 + 2,0) ÷ 14 = 1,257 |
| Neuer Durchschnittsverlust | (0,6 × 13 + 0) ÷ 14 = 0,557 |
| RS | 1,257 ÷ 0,557 = 2,26 |
| RSI | 100 − 100 ÷ (1 + 2,26) ≈ 69,3 |
Der RSI stieg von 66,7 auf rund 69,3, weil heute ein starker Gewinn dazukam. Deshalb reagiert der RSI träge, aber nicht verzögerungsfrei auf Sprünge.
Einstellungen und Zeitebenen
Wilder nutzte 14 Perioden. Kürzere Werte (z. B. 7 oder 9) reagieren schneller und liefern mehr Signale, auch mehr Fehlsignale. Längere Werte (21 oder 25) glätten stärker. Wähle die Periode passend zu deinem Handelshorizont und ändere sie nicht ständig, um Ergebnisse zu optimieren (siehe Backtesting zum Overfitting-Risiko).
Drei Anwendungen im Überblick
| Ansatz | Idee | Hinweis |
|---|---|---|
| Rücksetzer im Trend | Im Aufwärtstrend wartet man auf RSI-Werte um 40 bis 50 und kauft, wenn er wieder dreht | Trend vorher mit gleitenden Durchschnitten bestimmen |
| Divergenz | Kurs und RSI laufen auseinander | Warte auf Bruch einer Trendlinie oder ein Kerzenmuster |
| Failure Swing | RSI dreht ab und kann sein letztes Hoch (Tief) nicht mehr überschreiten, dann Bruch der Zwischenlinie | Wilders eigene Signalform, seltener als Überkauft/Überverkauft |
Kombination mit anderen Werkzeugen
Der RSI ersetzt keine Trendanalyse. Kombiniere ihn mit Support und Widerstand, Kerzenmustern und der ATR für Stops. Ähnliche Aufgaben erfüllt die Stochastik, die jedoch die Lage im Kursband statt der Stärke der Bewegungen misst.
Trendbereiche
Im Aufwärtstrend bewegt sich der RSI häufig zwischen etwa 40 und 80, wobei 40 bis 50 als Rücksetzer-Zone dient. Im Abwärtstrend liegt der Bereich eher zwischen 20 und 60, wobei 50 bis 60 den Widerstand bildet. Das ist eine Orientierung, kein Gesetz.
Divergenzen
- Bärische Divergenz: Der Kurs macht ein höheres Hoch, der RSI ein tieferes Hoch. Das Momentum lässt nach, ein Hinweis auf Schwäche.
- Bullische Divergenz: Der Kurs macht ein tieferes Tief, der RSI ein höheres Tief.
Divergenzen können sehr lange laufen, bevor der Kurs dreht, oder gar nicht. Sie brauchen eine Bestätigung, etwa durch Kerzenmuster oder Bruch einer Trendlinie.
Typische Fehler
- Jeden Wert über 70 als Short-Signal sehen
- Divergenzen ohne Bestätigung handeln
- Einstellungen so lange optimieren, bis die Vergangenheit passt
Häufige Fragen
Was bedeutet ein RSI von 50?
Neutral. Die durchschnittlichen Gewinne entsprechen den Verlusten. Über 50 überwiegt Aufwärtsmomentum, darunter Abwärtsmomentum.
Ist RSI über 70 ein Verkaufssignal?
Nein. In starken Trends bleibt der RSI lange im überkauften Bereich. Er zeigt Stärke, nicht automatisch eine Umkehr.
Funktioniert der RSI bei Aktien und Krypto gleichermaßen?
Die Berechnung ist identisch. Bei stark schwankenden Märkten wie Krypto erreichen RSI-Werte häufiger Extreme, daher sind Schwellen wie 80 und 20 manchmal sinnvoller.
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